Dieser Blog soll keine Abrechnung sein, kein Auszug aus dem "Who is Who" des Lebens. Er dient vielleicht für all die jungen Menschen dazu, über das Für und Wider mancher Taten und Vorhaben nachzudenken, für die Älteren, daher stammt wohl auch das Wort Eltern, soll es ein Buch zum Nachdenken sein, welche Folgen die Erziehung von Kindern für das spätere Leben haben kann, nicht muss. Sicher gibt es auch viele Kinder, die das gleiche Schicksal, oder noch Schlimmere, erlebt haben und dennoch aus ihrem Leben etwas gemacht haben, aber das wird nicht unbedingt die Regel sein. Ich habe mich zu diesem Blog entschlossen, nachdem ich vor den Trümmern meines Lebens stand und vor einem geschäftlichen Desaster, entstanden durch die „Flucht“ aus dem kriminellen Milieu, hinein in die Bastion der „soliden“ Bevölkerung, welche mich in ihrem Bereich nicht akzeptierten wollte. Nachdem alle Versuche gescheitert waren, dennoch Fuß zu fassen, habe ich die Reste meines Lebens in Koffer gepackt, und habe mich respektvoll aus dem Land der Untoleranz verabschiedet. Deutschland Ade, die Welt ist weit und hat genügend Platz für Außenseiter wie mich.
Alle die in diesem Blog, positiv oder negativ erwähnt werden sei gesagt, dass es nicht in meiner Absicht lag, Menschen zu diskriminieren oder schlecht zu machen. Ich wollte mir mit diesem Blog selbst und auch denen, die es interessiert, die Möglichkeit geben, intensiver über Sinn und Unsinn mancher Dinge im Leben nachzudenken.
Meiner Mutter, sofern sie noch lebt, sowie meinen Geschwistern sei auf diesem Weg noch gesagt, dass ich die letzten 15 Jahre, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben, immer nur mit Groll und Zorn an sie gedacht habe und auch in der verbleibenden Zeit keinen Kontakt haben möchte.
Ich bin noch zu jung um von Lebenskrise zu sprechen, aber alt genug um festzustellen, dass mein Leben eine einzige Krise war, ein Kampf gegen die Gesellschaft, die mit unfairen Mitteln und Wegen gegen mich angekämpft hat. Ich bekenne mich auch dazu, dass ich viele Fehler und vielleicht auch noch mehr Probleme durch meinen Charakter und meine Art zu Leben hervorgerufen habe, als ich sowieso schon hatte, aber geschlagene Hunde beißen schneller und manchmal auch aus Angst. Eine Angst, die meine Erziehung und später auch die Gesellschaft in mir sehr stark geweckt hat und die bis heute nicht mehr von meiner Seite gewichen ist. Eine Angst, zu verlieren und auf der Strecke zu bleiben. Eine Angst, nicht gut genug zu sein, nicht besser als die Anderen, den Makel nicht verstecken zu können oder die Angst, mit Misserfolg nicht umgehen zu können.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Namen in diesem Blog zu kürzen bzw. zu ändern, denn nur so kann wirklich jedermann den Blog unter neutralen Gesichtspunkten lesen und bewerten. Die, die es betrifft, werden sich wiedererkennen und die, die sich nicht wiedererkennen haben es wohl nicht verdient, in diesem Blog erwähnt zu werden. Ich versichere jedem Leser, dass es sich bei allen Schilderungen um wirklich so geschehene Ereignisse handelt, weder etwas verheimlicht, hinzugefügt oder beschönigt wurde.
Leitsatz: Jede Rechnung im Leben muss bezahlt werden wie in einem guten Lokal ... immer am Schluss.
Und für alle meine Freunde noch ein kleiner persönlicher Satz: Meist war ich es, der Hilfe anbot, der Hilfe und Rat gab. Oft war ich es, der Undank und Ärger dafür geerntet hat. Aber ich habe es immer mit Überzeugung und in guter Absicht, ohne Hintergedanken getan. Neid, Missgunst und Egoismus habe ich bis heute nicht gekannt und trotzdem oder deswegen hatte ich Freunde, nicht viele, aber genug um darauf stolz zu sein
Anfang: Es fährt kein Zug von Aix en Provence nach Barcelona, aha, zurück nach Marseille und dort umsteigen, nach Barcelona... nun, nach Beginn meiner Reise in ein neues Leben keine Überraschung mehr für mich. Da stehe ich nun, mit fünf Taschen und einem Koffer, meinem Notebook und einer Tüte mit Strohhalmen und weiß noch nicht so recht, wie ich das jemals alles bis nach Ibiza bringen soll, ohne Auto und ohne Hilfe und dann geht da noch nicht einmal ein Zug direkt hin. Zum Kotzen alles, ich bin selbst zum Auswandern wohl zu dämlich. Nun, ich muss wohl noch erzählen, dass ich den Entschluss fasste, noch mal ganz von vorne anzufangen. Mich zu reduzieren, wie ich dazu sage. Nicht das erste Mal in meinem Leben, ich habe nicht mitgezählt, aber ich weiß, es war sehr, sehr oft, dass ich mal wieder ganz von vorne anfangen wollte oder musste. Der kleine Unterschied diesmal ist nur, dass ich keine Lust und auch keine Kraft mehr habe, ich wollte nur noch mein Leben niederschreiben und dafür habe ich mir eine Insel ausgesucht, die mir das Gefühl geben kann, noch am Leben zu sein – Ibiza.
Also überlegte ich mir, wie es wohl am Besten gehen würde, dieses Auswandern. Um immer ein Dach über den Kopf zu haben, ist ein Wohnmobil die richtige Alternative, da kann man immer drin schlafen, kochen und hat alles bei sich, was man denn so im Leben noch braucht, Unterlagen, Papierkram, Kleidung und Schuhe, einfach alles was zu einem vernünftigen Leben hinzugehört und was wichtig ist, man kann immer und überall bleiben, oder auch wieder wegfahren. Gut, Problem erkannt, Problem gebannt, unter widrigen Umständen ein Wohnmobil gekauft, nicht mir Hirn, sondern nach Gefühl. In meiner Heimatstadt Rosenheim habe ich alles verkauft, verschenkt und im Chaos hinterlassen, das Wohnmobil mit dem Rest von meinem Leben gefüllt, Bekleidung, ein paar Unterlagen, 800 CDs mit unmöglicher Musik, ein paar Euros und wenig Zuversicht.
Auf dem Weg nach Ibiza, meiner ersten Anlaufstation, ging soweit eigentlich noch alles ganz glatt, das amerikanische Model eines 6,6 ltr. Motors soff wie ein Bürstenbinder, aber egal, Hauptsache ich war endlich auf dem Weg, denn sonst hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft, alles hinter mir zu lassen, meine Freundin, meine Wohnung, all meine Freunde und Bekannten, die mir noch was bedeuteten, einfach alles, was man so auf einer Reise, alleine in eine ungewisse Zukunft so hinter sich lässt. Es war ein tränenreicher Abschied und ich denke, die ersten Kilometer brauchte der Motor genauso viel Sprit, wie ich Tränen vergoss, eine Unmenge. Nachdem ich in den frühen Morgenstunden etwas arg müde wurde und meine verheulten Augen auch etwas Ruhe brauchten, legte ich in Cannes eine kleine Pause ein, und fuhr dann am Vormittag weiter Richtung Barcelona, denn ich brauchte ja die Fähre nach Ibiza und die ging nur von Barcelona aus. Ich hatte gerade die ersten Schilder, die auf diese wunderschöne Stadt hinwiesen, hinter mir gelassen, voller Freude auf die Fähre, da verabschiedete sich der Motor mit einem aufrechten „Hoppla, ich bin am Ende“. Nicht dass der Motor schlecht gewesen wäre, nein, das sicher nicht, aber man sollte eben auf den Tacho sehen, vor allem bei einem Wohnmobil mit 4 Tonnen und meiner massiven Zuladung. Jedenfalls stand ich mitten auf der Autobahn, Ausfahrt 28 und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie viel Öl in so einem Motor doch ist und wie sich das alles auf der Strasse nach und nach verteilte, denn erst nach Stunden des Wartens kam endlich auch mal ein Abschleppwagen und ich konnte alles, nur nicht Französisch. Kein Problem in Frankreich, für Franzosen ist Englisch eine echte Fremdsprache, jeder kann sie und keiner gibt es zu, und noch dazu wenn du als Deutscher die Frechheit besitzt, mit deinem amerikanischen Wohnmobil auf der teuren Autobahn liegen zu bleiben. Nun gut, da kamen jetzt erst mal ein paar gravierende Probleme auf mich zu, wie mir so in der langen Wartezeit durch den Kopf ging: Kein ADAC-Schutzbrief oder dergleichen, keine französischen Sprachkenntnisse, keine Kreditkarte und auch wenig Bargeld. Davon dass die Fähre weg war und ich noch nicht wusste, wie ich meine ganzen Sachen von diesem Ort wegbringen sollte, ganz zu schweigen. Den ADAC ausgetrickst, das war noch das kleinere Problem, dank meines Freundes Klaus, der mir dabei sehr behilflich war, denn wer auswandert hat sicher keinen Schutzbrief, aber zumindest wird das Mobil nach Deutschland überführt was ja auch einiges kosten wird, bei einem so großen und schweren Wohnmobil. Nur, ich habe auch keine internationale Kreditkarte, also auch kein Leihwagen. Damit war mal ganz schnell klar, dass ich auf diese Art nicht von dem Ort wegkam, denn selbst die Versuche aus Deutschland einen Leihwagen zu ordern, Klaus hatte dafür seine Kreditkarte zur Verfügung gestellt, scheiterte und hatte auch generell keine Chance, weil man nicht mit dem Leihwagen auf die Insel fahren darf. Und nachdem der Ort des Abschleppunternehmens auch kein Hotel hatte, fuhr ich mit dem Taxi in die nächste Stadt um dort zu erfahren, dass durch das größte Festival in Frankreich, dort kein Zimmer zu bekommen ist. Welch Glück, in der nächsten Stadt gab es dann ein Zimmer, nach 60 Euro Taxi. Am nächsten Tag dann wieder zurück zu dem Abschleppunternehmen, alle weiteren Modalitäten dort geregelt, Wohnmobil ausgeräumt, zumindest soviel ich tragen konnte ohne zusammenzubrechen, und mit dem Taxi weiter zu der nächsten Bahnstation. Wenn man sich jetzt noch überlegt, wie schwer das eigentlich ist, mit soviel Gepäck in einem fremden Land zu sein, da ist nichts mit mal schnell auf die Toilette oder was essen, geschweige denn ein Getränk zu holen oder gar Zigaretten. Nein, da ist aufpassen angesagt, sonst hat man nämlich im Nu nur noch einen Bruchteil seiner Sachen zu tragen, der andere Teil wird von anderen getragen, schnell und weit weg. Genau das was ich für mich auch wolle, weit weg. Und da sitze ich jetzt am Bahnhof in Aix-en-Provence und fange an, mir über mein Leben intensiv Gedanken zu machen und alles niederzuschreiben.
Rückblick in die Kindheit: Begonnen hatte eigentlich alles mit der Geburt, besser gesagt, sechs Monate früher. An diesem Tag kam meine Mutter zu meinem Vater und überraschte ihn mit der Mitteilung, sie sei erneut schwanger. Generell gesehen eine nette Nachricht wohl, aber nicht so für meinen Erzeuger, ein Mann der gerne alles bestimmte und alles nach seinen Wünschen und Denken zu funktionieren hatte. Nach zwei Mädchen und einigen Jahren der Ruhe war ich einfach nicht geplant und auch im finanziell sehr eng gehaltenen Familienbudget nicht enthalten. Außerdem wurde ich ganz schnell für meinen Vater zu einem Unhold, denn obwohl noch nicht mal auf der Welt stiftete ich schon familiären Unfrieden. Hatte doch mein werter Herr Vater, sämtliche Kinder- und Babysachen, Möbel als auch Kinderwagen, Bett, etc. verschenkt, genau an dem Tag als meine Mutter mit der erfreulichen Nachricht nach Hause kam. Haha, das war ein Brüller, den hörte ich durch den Bauch direkt bis in die Fruchtblase. Also, mein Vater liebte mich von diesem Tag an anscheinend gleich so richtig. Wahrscheinlich hat meine Mutter wohl auch in etwa so gedacht, denn wer von beiden jetzt nicht aufgepasst hat oder was sonst der Grund für die Schwangerschaft war weiß keiner. Aber beide wussten, dass zwei Kinder in der Zeit vollauf genügen würden... und... und... und. Ich jedenfalls wurde am 8. Februar mit einem fröhlichen „Hurra, er ist da“, oder so ähnlich empfangen. Habe ich mir zumindest gewünscht. Laut meiner Großmutter war das wohl nicht so, wobei meine Großmutter meine Mutter nicht sonderlich gern mochte. Wie ich von meiner Großmutter väterlicherseits später erfuhr, verweigerte sich die gesamte Familie anfangs, sich um mich zu kümmern, sodass ich die ersten Wochen bei meiner Großmutter verbrachte. Irgendwann durfte ich dann wohl auch mal die nette Familie kennen lernen, bekam im Zimmer meiner beiden Schwestern ein Bett hingestellt, was die beiden ab dem Tag zu meinen „besten“ Freundinnen machte. Später zahlten sie mir diese „Unverschämtheit“ mehrfach zurück. Mit soviel Liebe aufgewachsen, begann ich wohl sehr früh, mich generell auf mich Selbst zu verlassen und mal von vorneherein in Opposition zu gehen. Wobei man natürlich sagen muss, dass ich damals nicht so denken konnte, dazu war ich ja wohl zu klein. Heute würde ich es so definieren. Im zarten Alter von 3 Jahren hatte ich den ersten Vollrausch. Schlichtweg hatte ich mich über eine Flasche Eierlikör hergemacht, den meine Großmutter wohl nicht für mich gemacht hat. Und nachdem bei jedem Vollrausch Abertausende von Gehirnzellen absterben, waren bei mir wohl ab diesem Zeitpunkt die wichtigsten Gehirnzellen im Ar... . Wohlgemerkt, ich war auch noch im Sternzeichen des Wassermanns geboren also von Natur aus sehr anders. Mit fünf Jahren hatte ich dann das erste bleibende Erlebnis mit meinem Vater, wobei es sicher schon vorher zu solchen gravierenden Erlebnissen gekommen ist, aber eben viele Erlebnisse wohl nur im Unterbewusstsein gespeichert werden. Ich hatte also im Alter von fünf Jahren die Schnauze so richtig voll von zuhause, von der Art wie man mich behandelte und wofür ich alles verantwortlich war. Ich musste zu dieser Zeit schon die Kohleneimer aus dem Keller holen die dann fünf Stockwerke ohne Lift nach oben mussten, das Holz zum Anfeuern ebenso, wie den Abfall runterbringen. Es gab schon damals etwas, was mich immer mehr in den Bann zog: Erzählungen über Huckleberry Fin und Karl May faszinierten mich, waren mein liebstes Erlebnis, vor allem über Reisen in fremde Länder konnte ich wohl stundenlang zuhören. Ich weiß es noch wie heute, ich hatte einen roten Matchsack, so eine Art Seesack für kleine Kinder. Zeit meines Lebens weiß ich, dass mein Vater Punkt 10 Minuten nach 17 Uhr von der Arbeit kam, dann eine halbe Stunde Kaffeetrinken, Zeitungslesen und Punkt 18 Uhr gab’s Abendessen, akkurat 18.00 Uhr, nicht vorher und nicht nachher. Um das Bild von meinem Vater zu vervollständigen muss unbedingt erwähnt werden, dass er Bluthochdruck hatte, cholerisch im Übermaß war, einen amerikanischen Stiftenkopf und Stiernacken hatte und von Beruf Schlosser und Schmied war. Also, das gab doch die besten Vorraussetzungen für ein glückliches und einvernehmliches Familienleben.
Gegenwart: Mittlerweile habe ich Marseille im übrigen hinter mir gelassen und befinde mich geografisch betrachtet, auf den Weg nach Barcelona, außer man schmeißt mich aus dem Zug, weil ich keine Zeit und Lust hatte, eine Fahrkarte zu kaufen und die Franzosen, ganz nach dem europäischen Gedanken, keine Fahrkarten für spanische Züge verkaufen wollen oder dürfen, oder möchten. Ich sitze mit meinem Notebook auch wohl in der ersten Klasse, aber ich kann ja auch noch nicht so viel Spanisch, dass ich das schon lesen könnte. Anscheinend mache ich noch einen sehr gepflegten und seriösen Eindruck auf den Schaffner, der grüßt immer ganz freundlich, aber er will keinen Fahrschein sehen. Bin ja mal gespannt, wie das so weitergeht. Ich sitze gerne im Zug und betrachte die verschiedensten Landschaften, die im Eiltempo an einem vorbeiziehen, in diesem Fall habe ich stets das Meer auf der linken Seite. Gut dass langsam auch mein Akku zu Ende geht, denn jetzt will jemand auf den schönen Platz von mir, der hat ihn wohl bezahlt und reserviert. Na gut, dann setzen wir uns eben draußen hin und rauchen mal eine Zigarette, ist ja auch nicht schlecht.
Rückblick in die Kindheit: Mein erstes Erlebnis begann damit, dass ich mich entschloss, dem harmonischen Familienleben zu entfliehen, wahrscheinlich war der Auslöser mal wieder eine mehr oder weniger starke Backpfeife aus nichtigem Anlass. Ich also meinen Seesack gepackt, mein Teddy musste mit, und mein Hansi, ein Kopfkissen für kleine Kinder, zum festhalten. Mehr musste nicht sein – doch - der Abschied: ich in die Wohnküche, Kaffeetrinkzeit, meine Eltern am Tisch, und ich nur ganz lapidar: Also, dann, ich wandere aus, fahre zur See und suche mir jemanden, der mich lieb hat. Punkt. Absatz kehrt und raus aus dem verhassten Haus. Mein Vater hinter mir her, ich versteckte mich hinter den Mülltonnen vom Nachbarhaus. Meinen Erzieher machte das wohl ziemlich sauer, immerhin störte ich ja seine Abendruhe. Nach ein paar hundert Metern laufen und verstecken hatte er mich gefunden und dann bekam ich noch die ersten Schläge und Tritte mit, mehr nicht mehr, alles was ich dann noch weiß ist: Nette Menschen um mich rum, alle in weißen Kitteln. Was mir alles genau fehlte und was ich da machte, das wusste ich auch nicht, nur dass mir alles weh tat und ich wohl ziemlich übel ausgesehen habe. Ich weiß auch noch den Namen des Krankenhauses und etliche Erlebnisse in dem Krankenhaus, Besuche und so. Tatsache war, dass mich mein Vater fand, bewusstlos schlug und ich mit etlichen inneren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht wurde, natürlich von ihm. Ich sei von der Rutschbahn gefallen, hahaha, die Ärzte haben wohl selten so gelacht, aber ab diesem Tag hatte ich ein völlig neues Verhältnis zu meinem Vater, ein völlig schlechtes. Ich weiß noch, dass er auch einmal, ich saß wohl noch im Kinderwagen, beim C&A rausflog, weil er mich geprügelt hat und ich vor lauter Zorn darüber die Luft, solange angehalten hatte, bis ich blau angelaufen bin. Das konnte ich wohl damals, wohl ein frühkindlicher Hang zum Selbstmord durch Eigenersticken. Das war zum Beispiel ein Erlebnis, das mir später eine Tante Teddy erzählt hat, die eben in jenem Kaufhaus gearbeitet hat und die Sache miterleben durfte. Meiner Mutter war das wahrscheinlich nicht egal, aber gegen so mental und körperlich starke Menschen wie meinen Vater, setzt man sich als Frau in den 60er Jahren nicht durch und irgendwie wollte sie das wohl auch nicht wirklich. Vielleicht ist es ja so, dass ein Teil der Eltern mit der Erziehung nervlich überlastet ist, das mag vorkommen, aber dann muss der andere Teil zumindest die Kinder vor Übergriffen schützen und sich dazwischen stellen. Auf jeden Fall wurde unser Familienleben nun zunehmend mehr und mehr von Gewalt gegen mich geprägt, was auch keine Einbildung ist, sondern schlichtweg eine Tatsache. Aber nur mir gegenüber, mit meinen Schwestern hatte er keinerlei Anfälle dieser Art, vielleicht habe ich die auch nur nicht mitbekommen, das mag auch sein. Angst haben wir auf jeden Fall alle vor meinen Vater gehabt, auch meine Schwestern. Meiner Mutter gegenüber war er wohl auch nicht so oft handgreiflich, obwohl ich das nie so mitbekommen habe, schien zumindest nach außen hin alles mehr oder weniger normal und als ich mich so zu einem zehnjährigen Jungen entwickelt hatte, wusste ich auch die Lösung für viele kleine Sorgen: Lügen, auch wenn es mit der Wahrheit wohl einfacher gewesen wäre. Nein, alles vermeiden, was diesen Brutalo-Papa gereizt hätte, und wenn es auch nur durch Lügen war, besser noch, als wieder eine auf die Mütze zu bekommen. Es stand auf jeden Fall fest, das dies eine ganz massive Kindheit für mich werden wird und auf keinen Fall ein Zuckerschlecken. Das schönste für mich in diesen Jahren war, dass meine Mutter zum Glück eine Waschmaschine bekommen hat. Denn wer kennt sie nicht, diese meterlangen Miele-Waschkochlöffel aus Holz, hinten etwas schmäler und nach vorne breiter, und eignen sich bestens, Kinder zu schlagen. Gedacht waren sie damals, dass man die Wäsche im Bottich umdrehen kann, aber benutzt wurden sie in der Regel an mir. Ich weiß nicht ob man sich die Angst vorstellen kann, wenn da der große, übermächtige Vater mal wieder mit wutgeschwollener Ader auf der Stirn ins Badezimmer gelaufen ist und den Waschkochlöffel geholt hat, da tat schon der Gedanke an das was kommt richtig weh. An mir wurden derer mindestens drei Stück zerschlagen. Einmal entdeckten meine Freunde aus dem Haus, in dem wir wohnten, dass im Haus gegenüber, einem Lagerschuppen, eine Getränkefirma das Leergut lagerte. Und kleine dünne Kinderarme kommen natürlich überall hin und, Schwups, brachten wir jeden Tag unsere „Beute“ zum Laden am Eck und mit dem Pfand gab’s Eis. Tolle Erfindung, bis die Verkäufer im Laden der Flut von Flaschen nicht mehr Herr wurden und schon wurde es für uns alle ziemlich heftig und als die Polizei ins Haus kam, war das wieder nicht so toll. Tja, was blieb war wiedereinmal der Waschkochlöffel und wiedereinmal hatte ich an den Folgen fürchterlich zu leiden. Dieses mal vielleicht zurecht, wobei sich darüber immer streiten lässt, ob es Sinn macht, ein Kind mit festen Gegenständen zu schlagen bis es blutet? Ich habe zwar lange gebraucht, später dann Konflikte anders als mit Gewalt zu lösen, aber ich habe niemals in meinem Leben Gegenstände in die Hand genommen. Dazu hatte ich einfach zuviel Respekt vor den anderen Menschen.. Die Folgen dieser Maltretuhren waren: Milzriss, Leberschaden, gebrochenes Nasenbein, geplatztes Trommelfell, mehrfach, eine verletzte Hornhaut am Auge, und endlos viele blaue Flecken. Schwierig gestaltete sich dabei nur eine Verletzung, die mir wohl auch bleiben wird und das ist ein Durchbruch bei den Hoden, das passierte wohl mal bei einem Fußtritt, der etwas daneben ging. Als ich das mit 18 dann operieren lassen musste, hat mir der Arzt erklärt, dass solche Verletzungen nur durch einen Tritt in die Weichteile kommen können, welcher in der Kindheit passiert sein musste, weil ansonsten die Beckenknochen zu hart werden. Na ja, für meinen Vater war ich sowieso nie ein richtiger Kerl, also was brauchte ich dann auch die Eier so wichtig? Ist alles eine Frage der Gewohnheit und ich hatte nur noch einen Gedanken, der mich seit meiner Kindheit nachdrücklich verfolgt: Weg, weit weg und einfach nur weg. Bis es jedoch soweit war, musste ich zuerst noch durch die Hölle Namens „Schule“. Nicht dass mir die Schule keinen Spaß gemacht hat, ganz im Gegenteil, dort hatte ich ja meinen Frieden und konnte auch meinen Wissensdurst löschen, aber Gott, gab das immer einen Ärger, egal ob die Noten gut waren oder schlecht, ich war immer der Trottel, schon damals zu dumm zu irgendwas und sowieso blöd und außerdem zu nichts zu gebrauchen, selbst zu dem nicht. Also, mit anderen Worten, es gab nie Lob, nie freundliche Unterstützung, auch sonst keinerlei Anerkennung. Diese suchte ich mir wohl in der Schule, indem ich mich vom ersten Tag an immer um alle kümmerte und wenn’s nötig war, auch mit körperlicher Gewalt. Kannte ich ja von zuhause und wenn dann alle vor mir den „Respekt“ sprich Angst hatten, dann war auf diesem Weg zumindest meine kleine Welt im Lot. Also, eigentlich gab es kein einziges Zeugnis bei mir, indem nicht stand: „Zu aktiv, lebhaft, muss seine körperliche Kraft zügeln lernen.“ Aber wie? Irgendwie wurde ich schon in dieser Zeit in einem Teufelskreis gerissen, Gewalt erzeugt Gegengewalt und der Schwächere gibt auf. Ich hatte aber gelernt, keine Schwäche zu zeigen, nicht zu weinen, auch wenn die Schmerzen noch so groß waren, einfach versuchen ein Mann zu sein, auch wenn man manchmal gerne ein Mädchen gewesen wäre... Vor allem stelle ich im nachhinein fest, dass es sehr schwer ist, wenn man nicht lernt, Konflikte durch Gespräche zu lösen, in einer Gemeinschaft zurechtzukommen. Nicht dass ich ein Vertreter der antiautoritären Erziehung wäre, das wohl sicher nicht, aber was nützt körperliche Gewalt gegen Kinder? Nichts, denn eine Ohrfeige im Leben, nur eine, die prägt man sich ein und dann weiß man warum, bei jeder Gelegenheit eine Ohrfeige, dann wird das Ganze zu einem Normalfall und man weiß als Kind bald nicht mehr warum man die alle bekommen hat, ob zu recht oder zu unrecht, aus Zorn oder Ärger, aus Wut oder Hilflosigkeit, man gewöhnt sich einfach daran. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn mir andere von ihrer Kindheit erzählen und dass sie von ihrem Vater oder der Mutter nur eine einzige Ohrfeige bekommen haben, und die wissen auch immer noch Jahrzehnte später, für was die war. Ich weiß nicht mehr für was ich die alle bekommen habe... nur für was ich keine bekommen habe. Und das waren die Sachen, die ich vor meinem Vater verheimlichen konnte oder durch Lügen von mir fernhalten konnte. Das ist wohl der schlechtere Weg und Start ins Leben.
Gegenwart: Ach übrigens, ich habe wohl den Beginn einer größeren Glückssträhne: Der Zug von Marseille nach Barcelona hatte keine Panne und was noch viel schöner war, ich musste nicht bezahlen. Warum? Keine Ahnung, es wollte keiner meinen nicht vorhandenen Fahrschein sehen, den ich ja in Frankreich nicht bekommen habe. Und zudem wird wohl mein genervtes Aussehen den Rest getan haben. Oder lag es daran, dass ich unbeabsichtigt in der ersten Klasse saß? Jetzt musste ich nur noch vom Bahnhof irgendwie zu dem Hafen kommen, aber wie, mit all dem Gepäck und den Strohhalmen... also die nervten tierisch. Nun, das erste Taxi habe ich gleich mal abgelehnt, 20 Euro bis zum Hafen, das ist ja wohl leicht übertrieben, aber der nächste hatte das gleiche gute Angebot. Also, mir egal, ich möchte nur die Taschen loswerden und nach Ibiza kommen, irgendwie, mich hinlegen, aufs Klo gehen und duschen, denn die lange Reise macht sich langsam in meiner Nase breit. Mittlerweile sitze ich auch schon auf einer Fähre, allerdings nicht nach Ibiza, sondern nach Mallorca. Gut, das ist noch zu akzeptieren, die Fähre nach Ibiza habe ich um dreißig Minuten versäumt und bevor ich bis in der Früh warte, die Nacht in Barcelona verbringe, nutze ich die Zeit um schon Mal bis Mallorca zu fahren und dort zu sehen ob ich das Schnellboot um acht Uhr erreichen werde, welches mich dann nach Ibiza bringen wird, aber bei meiner Glückssträhne...
Rückblick in die Kindheit: Ich wusste genau, wenn ich wieder mal Prügel bezogen habe und zu weinen begann, dann wurde es noch schlimmer, weil mein werter Herr Vater es nicht haben konnte, wenn ich als Junge Tränen vergoss. Zumal ich ja nach seiner alleinigen Meinung jede meiner Ohrfeigen und Prügel zurecht bekam. Heute nach dem gültigen Gesetz wäre es schwere Körperverletzung, damals war es einfach nur Erziehung, nichts weiter. Eigentlich war es ja egal was ich machte, es war nie gut. Manchmal auch berechtigt, oder wer findet es schon gut, wenn sein Kind, ich war damals elf Jahre alt, während des Urlaubes mit dem Moped des Hotelbesitzers gegen sein Auto fuhr. Zum Glück waren die beiden Söhne des Hotelbesitzers mit dabei, sonst hätte ich wohl Italien nicht mehr lebend verlassen. Das war dann auch das letzte Mal, dass ich mit in den Urlaub durfte. Im nächsten Jahr, während alle anderen Familienmitglieder wieder in Italien waren, blieb ich bei meiner Oma. Aber die habe ich bis zu ihrem Tod wirklich geliebt, auch wenn sie sehr streng mit mir war, aber wenigstens bekam ich keine Prügel. Nicht mal, als ich entgegen aller Vorschriften, die Rutschbahn Kopf voraus rutsche und unten mit der Nase gegen eine Begrenzung knallte: Nase mal wieder gebrochen, sie musste mich abends noch zum Arzt bringen und dann hoffen, dass man nicht mehr allzu viel sah, wenn meine Eltern mich abholten, denn das hätte dann richtig Zirkus gegeben. Oder als ich tropfnass zu ihr kam und fest behauptet habe, dass es nicht regnet – weil ich Lügen schon so gewohnt war und wusste, wenn ich bei meinem Vater gesagt hätte: „Ich weiß, es regnet, aber es war so schön beim Spielen“, dann hätte ich eine Ohrfeige bekommen, weil ich ja bei Regen zuhause zu sein hatte. Wenn ich aber sagte: „Oh, hab ich gar nicht gemerkt, dass es regnet“, dann hatte ich wenigstens die unwahrscheinliche Chance, keine Ohrfeige zu bekommen. Immer nach dem Motto, ich habe zwar sowieso keine Chance, aber dafür nutze ich die so gut ich kann. An meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich dann das nächste Schlüsselerlebnis. Ich stand voller Freude in der Früh auf der Matte, in freudiger Erwartung netter Gesten und Geschenke und bekam gleich ohne Worte eine gestreckte Gerade, toll. Nase wieder kaputt und alles nur, weil mein Vater dachte, ich hätte etwas aus dem Kühlschrank genommen. Später stellte sich dann heraus, dass es mein kleiner Bruder gewesen ist, der mittlerweile auf der Welt war. Jetzt fing nämlich alles noch härter an, ich musste nicht mal mehr lügen, ich war schon auf Verdacht schuld und wurde dementsprechend bestraft. Mein Bruder war für mich eigentlich ein Lichtblick und ich war sehr froh, dass sich die Dinge jetzt etwas normalisieren würden, aber das geschah nicht. Mein Bruder war ja das Nesthäkchen, ein Wunschkind, nachdem sich die Familie finanziell ans rettende Ufer gebracht hatte und meine Mutter wohl noch ein Kind wollte, um die Ehe zu retten. Für mich machte das keinen Unterschied, nur dass ich nicht mehr so oft bei meiner Großmutter sein konnte, da die sich ja um ihr behindertes Enkelkind 24 Stunden rund um die Uhr kümmern musste. Also, meine Erziehung bestand dann darin, dass mir der Umgang mit Schulkameraden verboten wurde, welche auch nur den Anschein machten, dass sie was besseres oder schlechteres als ich waren. Damit war immer ein Grund vorhanden, mich zu bestrafen, denn ich traf mich trotzdem mit denen, mit wem auch sonst? Das war genial einfach und ich musste nichts tun, wurde einfach so verprügelt. So vergingen die Jahre eigentlich mehr im Stress, als im guten Sinne und ich könnte auch nicht sagen, dass ich bis zu meinem 16 Lebensjahr ein einziges Erlebnis mit meinen Eltern hatte, an das ich mich gerne erinnern würde, oder das sich bei mir als positiv eingeprägt hat, alles was aus meiner Kindheit geblieben ist, sind schlechte Erinnerungen. Ich habe so was nie wieder erlebt, auch nicht in meinen Beziehungen, denn irgendwann, im Laufe der Zeit verblasst die schlechteste Erinnerung und man erinnert sich nur noch an die schönen Erlebnisse, in vergangenen Beziehungen zum Beispiel, egal wie schlimm sie am Ende war, nach Jahren denkt man wohlwollend an die schönen Erlebnisse zurück und nicht mehr an die schlechten. Die Zeiten haben sich nicht geändert, die Backpfeifen und Ohrfeigen wurden nicht weniger, aber, es war jetzt so, dass ich mit 16 Jahren schon ein gutes Stück größer war, als mein Vater, und der Tag an dem ich mich wehrte, der nahte unerbittlich. Man kann einen Menschen nicht über eine irrsinnig lange Zeit immer wieder mit der Hand ins Gesicht schlagen, teilweise auch mit der Faust, ohne dass der sich nicht eines Tages mal zur Wehr setzt und zurückschlägt. Irgendwie war es einfach eine Verkettung unglücklicher Umstände und eine reine Trotzreaktion: ich wuchs just in der wirtschaftlich schwierigsten Zeit für meine Eltern innerhalb eines Jahres um 23 cm... hui, das war ein Fest, wenn mir nach ein paar Wochen die neuen Sachen nicht mehr gepasst haben und wieder Neues her musste. Und in dieser Größe gab es auch im Bekanntenkreis nichts, hihi, da staunte der Herr Papa, jede Woche ab zu C&A, oder was weiß ich wohin und was passiert mir Trottel? Einkauf bei H...... in der Fußgängerzone, eine tolle Rakete mit Rutschbahn, ich rauf, die Holzrutsche mit den Händen voraus wieder runter... Ringfinger der rechten Hand bleibt in der Kurve hängen und ist dreifach gebrochen. Aber wohlwissend über die Konsequenzen, einfach so tun als sei nichts passiert, nur muss ich wohl recht blass gewesen sein und als meine Mutter den völlig verdrehten Finger sah, fiel sie einfach um, schlug sich den Kopf blutig und ich war wieder mal an allem Schuld. Die Behandlung im Krankenhaus umfasste danach nicht nur den Finger. Tja und dann war da noch mein Blinddarm: Eine blödsinnige Erfindung der Natur, aber er war nun mal kurz vorm Durchbruch, und ich saß schmerzgekrümmt im Bad, zur denkbar ungünstigsten Zeit – Sportschau am Samstag um 18 Uhr im Ersten. Nun, um weiter seine Sportschau anschauen zu können, wurde mein Verhalten kurzerhand als Simulation abgetan und um dem Nachdruck zu verleihen, wurde ich noch in die Badewanne geprügelt. In der Nacht kam dann doch der Notarzt. Ich also mal wieder in der Klinik, diesmal aus eigenem Verschulden und dann passierte das was kommen musste: Kaum wieder zuhause erlaubte ich mir zu sagen, dass ich es nicht nett fand, mich so zu behandeln, die Folge: Der letzte Waschkochlöffel kam zu seinem letzten Einsatz, allerdings nach den ersten Schlägen schlug ich zurück und als ich den bösen Stock in den Händen hatte, zerschlug ich ihn auf meinem Vater, drehte mich um, packte meine fünf Sachen in eine Tasche und verließ für immer die elterliche Wohnung. Nun begann der eigentliche Kampf erst richtig. Schule und nebenbei arbeiten, damit ich mir mein Zimmer in Obermenzing leisten konnte, denn von zuhause gab es keine Mark, was sich ja von alleine versteht. Also, was tun? Mit den Frauen und zu diesem Zeitpunkt noch eher Mädchen, konnte ich es ja besonders gut. Jeder Mensch hat eine Eigenschaft die ihm hilft, oder auch schadet, wie sich später noch zeigen wird. Jedenfalls lernte ich die Tochter einer Hotelbesitzerin, die zwar gegen eine Beziehung zu ihrer Tochter war, aber mir zumindest den Job eines Nachtportiers zutraute, kennen. Damit war die erste Hürde zu einer höheren Gesellschaft genommen, denn plötzlich durfte ich als Begleitung ihrer Tochter zu sämtlichen Anlässen mitgehen, wenn ich nicht arbeiten musste. Ich lernte ein vollkommen anderes Leben kennen, fernab von Gewalt, aber mit dem nächsten Problem verbunden – Geld... für all diese Menschen schien das keine Rolle zu spielen und ich mit meinen 16 / 17 Jahren hatte nur Probleme damit, und fragte mich ständig, wo ich es herbekommen sollte. Nachdem ich dann meine Schule mehr schlecht als recht im Griff hatte, fing mein Leben plötzlich an, eine Eigendynamik zu entwickeln, plötzlich hatte ich einen Wertbegriff gefunden, das Lösungsmittel aller Probleme und aller Schmerzen: Geld. Und wieder mal war niemand in meiner Nähe, der mir den Weg zeigen konnte, richtig mit diesem Lösungsmittel umzugehen und mal wieder war ich nicht bereit und auch nicht in der Lage, die Fallen hinter dem schönen Schein zu sehen. Ich sah nur diese Menschen, alle reich und glücklich. Ich wollte auch einer von Ihnen sein, und zwar ohne auf die Hotelbesitzerin oder ihre Tochter angewiesen zu sein, ich wollte es sein, ich wollte mir meine Welt wieder selbst zurechtrücken, damit sie für mich wieder passt. In dieser Zeit hatte ich sehr viel damit zu tun, auch berühmt und bekannt zu werden. Und der einfachste Weg dorthin ist immer noch das Showbusiness. Schließlich kannte ich durch ein sehr bekanntes Lokal in München auch schon etliche dieser sogenannten Berühmtheiten. Also, nichts wie ab in die dafür bekannten Lokale und einen Musikwettbewerb nach dem anderen absolvieren. Eine richtig lustige Sache, vor Publikum zu singen, praktisch die Vorstufe des späteren Karaokee. Bei diesen Auftritten lernte ich dann den Sohn von Ernst L. kennen, Florian, irgendwie um die dreißig Jahre alt, ein guter Gitarrespieler und Sänger, ansonsten erdrückt vom berühmten Namen seines Vaters, und wie ich, das schwarze Schaf der Familie. Ständig mit Geldproblemen beschäftigt und auch zu stolz um zu seinem Vater zu gehen. Nun gut, wir waren auf jeden Fall ein eingespieltes Team, ich entdeckte nach und nach meine Fähigkeit, Dinge zu planen und bis ins Detail zu organisieren. Meine Leidenschaft Musik zu machen, zu singen und etwas eigenes zu kreieren, die war in diesem Metier wohl am ehesten erlebbar. Ich durfte mit dem Mercedes meiner Hotelchefin fahren, nachdem ich meinen Führerschein mit Bravur bestand und sorgte damit mit meinen fast zwei Metern Größe für mächtig Aufsehen, überall wo ich auftauchte. Coole Sache, was sich in den zwei Jahren seit meinem Abschied von Zuhause alles geändert hat – leider hatte ich nicht die Reife, alles im richtigen Licht zu sehen. In den Ferien jobbte ich noch bei einem Wirt, der die Gaststätte des FC Bayern betrieb, und lernte dabei noch den Rest der Wichtigen kennen. Und nebenbei vergaß ich nicht, meine Schule zu beenden, nicht unbedingt mit einer eins, aber immerhin Fachabitur im technischen Bereich, allerdings musste ich dazu schon jeden Tag nach Freising fahren, denn alle anderen Schulen lehnten mich schlichtweg ab. Wahrscheinlich, weil mein Betragen nie besonders zu den jeweiligen Schulen gepasst hat. Komisch, denn ich war immer nett und freundlich. Aber mit Jogi, den ich eigentlich seit frühester Kindheit her kenne, haben wir ständig nur Blödsinn im Kopf gehabt und dementsprechend auch die Späße übertrieben. Einmal fiel einem Lehrer die ausgehängte Türe auf den Kopf, weil wir vergaßen, dass die nach außen aufging. Der Eimer mit dem Wasser hing natürlich innen. Pech für uns und Herr B., der Rektor legte unseren Eltern, bzw. mir nahe, die Schule zu wechseln. Gut, das haben wir dann auch getan.
Fortsetzung folgt... |